Paris – Brest – Paris:
1230 Kilometer, 11.550 Höhenmeter
So lauten die nackten Zahlen hinter einer der faszinierendsten Radsportveranstaltungen überhaupt. Bei der diesjährigen Austragung des Ultramarathons auf zwei Rädern waren auch zwei Sportler vom FC Nordkirchen dabei: Ferdi Weiß und Thomas Zauner legten die Mammut-Distanz, deren Bewältigung selbst mit dem Auto schon Ausdauer und Sitzfleisch erfordert, souverän innerhalb des Zeitlimits von 90 Stunden zurück.
Paris–Brest–Paris (kurz PBP) ist ein rund 1200 km langer Fahrradmarathon, auch „Brevet“ genannt. Start und Ziel befinden sich im Pariser Vorort Guyancourt. Der Wendepunkt ist in der am Atlantik gelegenen, nordwestfranzösischen Stadt Brest in der Bretagne. Entstanden ist PBP aus dem gleichnamigen Radrennen für Profis und Amateure, das erstmals 1891 und zuletzt 1956 stattfand. Der Brevet findet nur alle vier Jahre statt. Eine Besonderheit der Strecke ist, dass sie sehr hügelig ist. Es sind mehr als 11.000 Höhenmeter zu bewältigen. Da es zwischen Paris und Brest keine Berge gibt, verteilen sich die Höhenmeter auf mehr als 360 meist kurze und nicht sehr steile Anstiege. Der Brevet Paris–Brest–Paris ist ausdrücklich kein Rennen. Das Ziel der meisten Teilnehmer ist es daher, die Strecke innerhalb der vorgegebenen Zeit (wahlweise 90, 84 oder 80 Stunden) zu schaffen. Der Kampf gegen die Müdigkeit und die mit dem langen Sitzen auf einem schmalen, harten und unbequemen Fahrradsattel verbundenen Beschwerden sind dabei oft schwieriger als das Radfahren selbst. Erleichtert wird der Brevet nur dadurch, dass die Strecke komplett ausgeschildert ist, was bei Brevets sonst unüblich ist. Erlaubt sind im Gegensatz zu Radrennen nicht nur Rennräder, sondern alles, was zwei oder drei Räder hat und ausschließlich mit Muskelkraft bewegt wird. Triathlon-Lenkeraufsätze sind verboten, während eine Beleuchtung und eine reflektierende Weste vorgeschrieben sind. Zur Qualifikation für PBP müssen Fahrer seit 1979 im selben Jahr Brevets von 200, 300, 400 und 600 km absolvieren, und zwar in dieser Reihenfolge. Es ist allerdings möglich, jeden Brevet dieser Reihe durch einen längeren zu ersetzen. Ab 2011 gibt es eine Begrenzung der Anzahl der Teilnehmer pro Land. In diesem Jahr gingen rund 400 Deutsche an den Start.
Wie alle anderen rund 5000 qualifizierten Teilnehmer warteten auch Ferdi Weiß aus Nordkirchen und Thomas Zauner aus Selm zuversichtlich, aber auch ein wenig skeptisch auf den erlösenden Startschuss. In Blöcken von 500 Fahrern wurden die Randoneure (was so viel wie „Radwanderer“ heißt, aber eine irreführende Verharmlosung ist) auf die Strecke gelassen. Am späten Sonntagnachmittag war es dann nach zwei Stunden quälenden Wartens in sengender Hitze endlich soweit: Ferdi Weiß und Thomas Zauner waren „on the road“ und mussten nun unter Beweis stellen, dass die mit den alleine in dieser Saison abgespulten rund 10.000 Trainingskilometern bei jedem Wind und Wetter verbundenen Strapazen nicht umsonst gewesen sind. Erleichtert waren die beiden heimischer Sportler darüber, dass das Wetter mitspielte. Insgesamt nur 70 km mussten die beiden FCN-Pedaleure mit Wasser von oben und unten zurücklegen. Auch vom gefürchteten Pannenteufel blieben die beiden Sportler verschont. Von kleineren Unterbrechungen abgesehen legten sie die ersten 1.000 km gemeinsam zurück. Dann packte Ferdi Weiß noch einmal der Ehrgeiz und in einer international besetzten, gut harmonierenden Gruppe bretterte der Nordkirchener dem Ziel in Paris entgegen, während Teamkollege Thomas Zauner es etwas ruhiger angehen ließ. Nach genau 72 Stunden und 25 Minuten erreichte Weiß das lang herbeigesehnte Ziel in der französischen Hauptstadt, rund zwei Stunden später, nach genau 74 Stunden und 59 Minuten, hatte es auch sein Freund Thomas Zauner geschafft. Die reine Fahrzeit ist allerdings wesentlich kürzer: Weiß benötigte nur 50 Stunden und 48 Minuten (was einem Stundenmittel von genau 25 Kilometern entspricht; wer schon einmal sportlich Rad gefahren ist, weiß, dass man für diesen Schnitt ordentlich in die Pedale treten muss), Zauner ist unwesentlich langsamer. Den Rest der Zeit benötigten die Extremsportler, um an den insgesamt 19 Verpflegungsstationen zumindest einen Bruchteil der Kalorien wieder einzufahren, die im Laufe solch einer dreitägigen Extrembelastung „über die Theke gehen“. Hinzu kommen die zeitaufwändigen Kontrollen, die vom Rennkomitee penibel gehandhabt werden und deren Stempel unabdingbare Voraussetzung dafür sind, in den erlauchten Kreis der autorisierten Finisher aufgenommen zu werden. Das Schlafkonto während der dreitägigen Belastung wuchs nur auf bescheidene sechs Stunden an – das absolute Minimum, um nicht vor Müdigkeit vom Rad zu fallen.
Der Normalsterbliche, der gerne auf zwei Rädern bei schönem Wetter eine beschauliche Pättkestour durch das Münsterland unternimmt, wird sich nun fragen, warum man sich so etwas überhaupt antut. Eine genaue Antwort können die beiden Ausdauerfreaks auch nicht liefern, aber ihren Erzählungen merkt man sofort die Begeisterung für dieses außer-gewöhnliche Radsport-Event an – und sie sind ja nun wahrlich nicht die Einzigen, die von PBP in dessen Bann gezogen werden. Vielleicht illustriert am einfachsten eine kleine Episode am Rande den besonderen Mythos dieses Radmarathons. In der Nacht vor dem Start wussten die beiden heimischen Sportler noch nicht, wo sie übernachten können, alle Unterkünfte in der Nähe des Start-Ziel-Bereichs waren hoffnungslos überfüllt. Da erhielten sie von der Organisation die Adresse einer Familie, dort sollten sie hinfahren. Dort angekommen erfuhren Weiß und Zauner, dass es sich um PBP-Fans handelte, die endlich auch einmal die Helden der Landstraße in ihren eigenen vier Wänden beherbergen wollten. Von selbst versteht sich, dass Weiß und Zauner bestens verköstigt und natürlich im Ziel von ihrer französischen Gastfamilie begeistert in Empfang genommen wurden – und das alles ohne auch nur einen Euro bezahlen zu dürfen! Von diesen Geschichten lebt der Mythos PBP und so sind Weiß und Zauner sich ziemlich sicher, dass sie auch 2015 bei der nächsten Austragung von PBP an der Startlinie stehen werden, wenn es wieder heißt: „Bonne chance, randoneurs!
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